Diese Biografie wurde im Rahmen einer Gruppenarbeit zu dem Thema „Menschen mit Behinderungen im Alter“ von Schülern in der Ergotherapieausbildung in Wuppertal geschrieben. Der Text wurde original übernommen.
Biografie von Emma Rüsing (frei erfunden) „Mein Name ist Emma Rüsing, ich bin 72 Jahre alt und stamme aus einem kleinen Ort in der Nähe von Essen. Ich bin Tochter eines Stellenarbeiters und Schwester von zwei älteren Brüdern.
An meine frühe Kindheit habe ich kaum Erinnerungen, aber es kommt mir wie gestern vor, dass meine geliebte Mutter mich für wenige Minuten aus dem Bett gehoben hat, sobald die Männer das Haus verließen. Vor dem Fenster konnte ich die anderen Kinder „Dosenkicken“ spielen und lachen sehen. Ich hatte mich daran gewöhnt meine Beine kaum zu spüren.
Mein Vater wurde oft wütend, wenn er hörte, dass mich jemand am Fenster gesehen hatte, kaum auszudenken mich in die Schule zu schicken. Heute weiß ich, dass er sich für mich geschämt hat.
Ich habe das Gefühl, ich war ein Opfer von ungünstigen familiären, schulischen, materiellen und politischen Konstellationen, die mich in meiner kognitiven und emotionalen Entwicklung gehemmt und sozial stigmatisiert haben.
Eines Tages, ich muss ungefähr fünfzehn gewesen sein, kamen mein Vater und meine Brüder nicht von der Arbeit zurück. Irgendwann hörte ich meine Mutter weinend aufschreien und hörte die schweren Schritte. Meine Zimmertür flog auf und zwei uniformierte Männer rissen mich aus dem Bett und trugen mich in ein Fahrzeug. Sie brachten mich an einen fremden Ort. Ich glaube, ich habe die schrecklichen Ereignisse an diesem Ort zum größten Teil ausgeblendet. Aus Erzählungen weiß ich, dass ich in einer Psychiatrie war. Ein Foto aus dem Jahre 1946 zeigt mich dann wieder in den Armen meiner geliebten Mutter. Ich weiß nicht warum, aber mein Vater und meine Brüder sind nie wiedergekommen.
Jetzt musste mich meine Mutter nicht mehr verstecken. Durch ihre Hilfe habe ich lesen und schreiben gelernt und konnte die Welt mit meinem Rollstuhl entdecken. 1976, nach dem Tod meiner Mutter, kam ich in ein Wohnheim. Dort erfuhr ich durch eine individualisierende Betreuung und Förderung und durch eine zunehmende Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, Lebensbedingungen, die meine Selbstbestimmung begünstigt haben und mich Potenziale entdecken ließen.
In den darauf folgenden Jahren, in denen ich in einer Wohngemeinschaft für behinderte Menschen gearbeitet habe, entwickelte ich eigene Hobbies und Interessen. Seit meinem sechzigsten Lebensjahr hat mir die Eingliederungshilfe und die WfbM geholfen einen für mich angenehmen Übergang in die Rente zu finden. Ich war dankbar über die Möglichkeit, welche mir das Heimatrecht gegeben hat, solange wie möglich in meiner gewohnten Wohneinrichtung bleiben zu dürfen. Dennoch habe ich mich inzwischen dazu entschieden in ein Altenheim zu ziehen, da meine Pflege immer aufwendiger wird. Außerdem gefielen mir die Angebote im Altenheim, wie z. B. Bewegungsspiele und Peddigrohr mit Menschen in meinem Alter, an denen ich neben den WfbM-Angeboten teilgenommen habe.
Wichtig ist mir die Wahrung meiner eigenen Identität, meine bestmögliche, neu erlernte Selbstständigkeit, die Möglichkeit einer sinnvollen Beschäftigung und die Teilnahme am sozialen Leben.
Es war Anfangs nicht leicht für mich, Kontakte zu knüpfen, da ich nun mal behindert bin. Aber inzwischen habe ich es und andere Menschen gelernt mit Behinderungen umzugehen. Die Biografie hat geholfen mich zu finden und zu akzeptieren.
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